Vorurteile: Definition und Einschätzung

"Vorurteile lassen sich nicht ausschalten und kein Mensch ist vorurteilsfrei. Wir brauchen Vorurteile sogar, um uns in unserem Leben zurechtzufinden. Denn wir müssen uns auf unsere Erfahrungen verlassen und mitunter schnell bewerten können, damit wir nicht orientierungslos durch die Welt laufen. Gemeinsame Vorurteile bieten Schutz und Orientierung und sie verschaffen uns Akzeptanz innerhalb einer Gruppe. Sie verbinden und suggerieren, Teil von etwas „Größerem“ zu sein. Vorurteile oder Stereotype – als kognitiv starr festgesetzte Vorurteile – dürfen aber nicht zur Verurteilung Einzelner, Gruppen oder ganzer Populationen führen. Denn die aus Vorurteilen entstehende Diskriminierung kann zu einer tödlichen Gefahr für betroffene Minderheiten werden.

 

Interdisziplinäre Erforschung 

 

Natürlich gibt es wissenschaftliche Ansätze zur Erklärung und Verhinderung von Vorurteilen. Sozialpsychologen und Pädagogen entwickeln Theorien zu sozialen Kompetenzen, Erziehungsmethoden, Wut- und Angstprävention,Soziologen zur intergruppalen Konfliktforschung. Letztendlich schafft die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Diskriminierung eine wichtige Basis zur Entgegenstellung. Erhebungen, Studien und Theorien sind unersetzlich. Psychologie, Erziehungswissenschaften, Soziologie und Pädagogik sind dabei ihrem eigenen Anspruch nach besonders gefordert. Vorurteilsforschung kann und sollte aber auch Platz in anderen Disziplinen finden. Aus der Geschichte lernen heißt auch, über Vorurteile lernen. Die Literaturwissenschaft hat die Vorurteilsproblematik seit jeher in unzähligen Geschichten beschrieben.Vorurteilsforschung muss Teil einer jeden verantwortungsvollen Kulturwissenschaft sein. Die notwendige Integrationswissenschaft könnte stärker in die Politikwissenschaften oder Ethnologie integriert werden. Auch die Migrationsforschung leistet mit ihrem interdisziplinären Auftrag, Lösungen zur Konfliktbewältigung zwischen Mehrheiten und Minderheiten zu finden, einen notwendigen Beitrag.

 

Toleranz schaffen 

 

Die Wissenschaft kann Basis sein, der gesellschaftliche Ansatz zur Prävention von Vorurteilen bleibt indes unabdingbar. In der Bevölkerung müssen Verständnis und Bewusstsein dafür hergestellt werden, Vorurteile zu erkennen, erklären zu können, woher sie kommen und wie man sie reduzieren und abbauen kann. Hier sind Eltern und Erziehungsberechtigte, Schulen, soziale Einrichtungen und politische Gremien gleichermaßen gefordert. Über ein gegenseitiges Verständnis können vermeintlich verfeindete Gruppen miteinander kommunizieren. Sie können bemerken, dass sie sich im Grunde gar nicht so sehr voneinander unterscheiden, wie sie vielleicht vermutet hätten. Persönliche Gespräche zwischen Mitgliedern von In-und Outgroup, von In- und Ingroup, von Out- und Outgroup können gegenseitige Akzeptanz und zwischenmenschlichen Respekt verschaffen. Sie können deeskalierend wirken und unüberlegte Ausschreitungen verhindern. Sich korrelativ fremd eingestellte Gruppen haben die Möglichkeit, sich gemeinsame Ziele zu setzen. In Deutschland lebende Türken und Kurden etwa, die geschichtlich bedingt Diskrepanzen untereinander haben, können sich gemeinsam für Integrationsarbeit von Migranten in Deutschland einsetzen, Mitglieder „verfeindeter Fußballklubs“ können kooperieren und gemeinsam gegen „unberechtigte Stadionverbote“ vorgehen. Pädagogische Einrichtungen können gemeinsame interkulturelle Freizeitangebote anbieten,Lehrer multikulturelle Lerngruppen, Schulen Austauschprogramme und Kulturerziehung. Derartige Kooperationen tragen entscheidend zu gegenseitiger Toleranz, wenn nicht sogar zu Harmonie bei.

 

Gesellschaftliche Verantwortung 

 

Der Abbau von Vorurteilen ist nicht auf intergruppale Kommunikation beschränkt. Da Vorurteile schon im frühen Kindes- oder Jugendalter gebildet werden, haben sie auch einen individualpsychologischen Anteil. Eltern müssen soziales Miteinander fördern und dürfen ihren Kindern den Kontakt zu Altersgenossen mit Migrationshintergrund nicht untersagen. Eltern mit Migrationshintergrund sollten Wert darauf legen, dass ihre Kinder mit der einheimischen Kultur vertraut sind und die deutsche Sprache als wichtigstes Kommunikationselement beherrschen. Staatliche Unterstützung und die Berücksichtigung von Einzelinteressen sind dabei unabdingbar. In Kindergärten und Schulen muss soziale Kompetenz geschult, Selbstbewusstsein aufgebaut, Konfliktfähigkeit vermittelt werden. Zur Bekämpfung von Vorurteilen gehört an höchster Stelle eine gesetzliche Grundlage, die Unrecht entgegen wirken kann. Diskriminierungen müssen bestraft, Antidiskriminierungsgesetze ausgebaut werden." 

 

(Hardinghaus, 2010) 

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